Interview mit Kamoluddin Abdullaev: Die Geschichte der Tadschiken ist ebenso tragisch wie die Geschichten des “Stillen Don”

Übersetzung und Kommentierung [in eckigen Klammern]: Andreas Mandler und Thomas Loy
Mit freundlicher Genehmigung von Umed Babakhanov

Kamoluddin N. Abdullaev wurde am 21. Februar 1950 geboren. Er ist Historiker und eine bekannte Persönlichkeit Tadschikistans. Aus Anlass seines 70. Geburtstages sprach der Jubilar mit Haidar Shodiev von der Zeitung “Asia-Plus” über wenig erforschte Seiten der Geschichte des tadschikischen Volkes, die Bedeutung von Ausbildung und Professionalität, sowie seine eigenen wissenschaftlichen Aktivitäten.

Kamoluddin Abdullaev erforscht und lehrt seit über 30 Jahren die moderne Geschichte Zentralasiens, vor allem die Geschichte Tadschikistans. Seit 1992 ist er auch als unabhängiger Experte und Berater für internationale NGOs und Forschungsinstitutionen tätig, die sich mit dem Aufbau der Zivilgesellschaft, mit Bildung und mit Konfliktlösung in Zentralasien befassen. Er nahm mehrfach an US-Austauschprogrammen für Geschichte und Sozialwissenschaften teil. Kamoluddin Abdullaev ist Verfasser und Herausgeber von 9 Büchern auf Russisch und Englisch und Autor von über 40 Artikeln.

zum Interview…

Sie sind als Historiker des modernen Tadschikistans bekannt, der eine eigene, von vielen unserer Chronisten abweichende Sichtweise auf die Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat. Wann und aus welchen Gründen haben Sie beschlossen, die Ereignisse dieser Jahre noch einmal zu überdenken?

Was mich veranlasst hat, meine eigenen Ansichten zu überdenken? Kurz gesagt, es war der Wandel des politischen Klimas im Land und in der Welt im Allgemeinen, der vor 35 Jahren stattfand, sowie der Zugang zu neuen, bisher unbekannten Quellen und Literatur.

Trotz der Dominanz des Marxismus und der strengen Parteikontrolle hatte ich, wie andere Historiker der Sowjetzeit, immer die Chance auf die berühmte akademische Freiheit. Es gab auch in der tadschikischen Geschichtsschreibung die sogenannten “Sechziger”, die nach neuen Ansätzen suchten, ohne jedoch zu weit über die konservative Richtung der Geschichtsschreibung hinauszugehen.

Es war der heute zu Unrecht vergessene Mullo Irkajev, der in seiner 1963 veröffentlichten “Geschichte des Bürgerkriegs in Tadschikistan” erstmals zugab, dass es unter den „Basmatschen“ viele einfache Dehqane [Bauern] gab, die es nicht verdienen, pauschal verurteilt zu werden.

[Basmatschen oder Basmatschi: Sammelbegriff für den bewaffneten Widerstand gegen die Etablierung der Sowjetunion in Zentralasien der 1920 und 1930er Jahre. Sie wurden in der Sowjetunion als Kriminelle und Räuber dargestellt.]

Damals, in den 1960er Jahren, hieß es beispielsweise hinter vorgehaltener Hand, dass der Führer der Basmatschi, Ibrahimbek, 1931 überhaupt nicht gefangen genommen worden war, sondern sich selbst ergeben hatte. Das heißt, jeder wusste, dass es in der offiziellen Geschichtsschreibung Ungereimtheiten und Lügen gab. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann schließlich die Suche nach neuen Themen, die zuvor verschwiegen worden waren.

Für mich war es an der Zeit, mit einem Thema zu beginnen, das mich seit meinem Postgraduiertenstudium interessierte. Was geschah eigentlich mit den so genannten Basmatschen, und den „Dschadiden“ und den anderen Tadschiken, die mit der Sowjetmacht nicht einverstanden waren und (von denen viele) in den 20er- und 30er-Jahren ins Ausland geflohen sind?

[Dschadiden oder Dschadidi: Bezeichnung für Intellektuelle, welche sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Buchara und in Turkestan um eine Reform ihrer muslimischen Gesellschaften bemühten und eine neue Bildungspolitik propagierten. Sie wurden in der Sowjetunion bis in die späten 1980er Jahre als bourgeoise Nationalisten abgelehnt. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen und ihren sozialreformerischen Ansätzen und Werken war bis dahin offiziell nicht möglich. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Aufklärer in Zentralasien zählten u.a. Mahmudkhoʻdscha BehbudiAbdurrauf Fitrat und Hodschi Muin]

Ich war davon überzeugt, dass Unabhängigkeit bedeutet, das Volk in seiner Gesamtheit zu respektieren – ohne Ausnahmen und ohne Schweigen, mit dem Bewusstsein für die eigene Vergangenheit, in der jeder Mensch einen bleibenden Wert hat und grundlegende Aufmerksamkeit von den Nachkommen verdient, egal ob er ein [sowjetischer] „Held der Arbeit“ war oder ein „Qo’rbashi“ [Kommandant autonom agierender bewaffneter Einheiten der Basmatschi im Kampf gegen die Errichtung der Sowjetmacht in Turkestan.].

In Ihren Werken gibt es viele Stellen, die den “Basmatschi”, den Dschadidi und den Emigranten jener Jahre gewidmet sind…

Diese Seite der Geschichte unseres Volkes, das Schicksal dieses Volkes, erfordert eine gründliche Untersuchung. Tatsächlich ist die tadschikische Geschichte so tragisch wie die Geschichten aus Scholochows Roman “Der Stille Don”.

Zur Familie der Amirshoevs aus Baldshuvon [im Nordosten der heutigen Provinz Chatlon] gehörten zum Beispiel Yasavul Baschi und Usto Dzhura “Basmatshi” – beide zählten zum Gefolge von Davlatmadbey, dem Anführer der Rebellen aus Kulob und die rechte Hand von Enver Pascha [der 1922 in der Nähe von Baldshuvon von den Bolschewiki getötet wurde]. Gleichzeitig stammte aus ihrer Familie auch der „Held der Sowjetunion“ Safar Amirshoev, der 1944 bei der Befreiung Litauens starb. Auch Oberst Shahmurod Olimov, der Sohn des letzten Emirs von Buchara, kämpfte [auf Seiten der Roten Armee] gegen die Nazis.

Übrigens waren alle diese “bashi” (“Anführer” – qo’rbashi, [yusbashi], mingbashi) eigentlich keine Basmatschen, sondern Offiziere der alten Armee Bucharas, vergleichbar mit den Weißgardisten. Der Vater von Komil Jormatov [1903-1978] war ebenfalls ein „Mingbashi“. Dieser berühmte sowjetische Filmschaffende selbst betrachtete Hamdam Khoja Kalandarov [Anfang der 1920er Jahre Polizeichef in Kanibadam] als seinen Mentor, der [vor 1920] ebenfalls ein Qo’rbashi gewesen war.

Auch die tadschikischen „Liberaldemokraten“, die Dschadiden, die die Sowjetmacht nicht akzeptierten, verdienen ebenfalls mehr Aufmerksamkeit. So war etwa Pairav Sulaimoni [1899-1933] ein Neffe von Hashim Shaikh, dem Botschafter der Volksrepublik Buchara in Kabul, welcher dafür sorgte, dass Pairav von dort zurück nach Hause geschickt wurde, bevor er sich offen gegen die Sowjetherrschaft stellte. Pairavs Leben endete 1933 auf tragische Weise. Pairavs Tochter, Gulchehra Sulaimonova, wurde eine berühmte tadschikische Dichterin. Ihre afghanische Tante, Nafisa Muboriz, die Tochter Hashim Schaikhs und eine Verwandte des [afghanischen] Königs Amanullah Khan, war ebenfalls Dichterin und Chefredakteurin einer Zeitschrift für afghanische Frauen. Nafisa zählte, wie auch Shukriya, die Tochter des letzten Emirs von Buchara Alim Khan, die ich vor 25 Jahren in Washington persönlich kennengelernt habe, zu den gebildetsten Frauen in Afghanistan.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Elite der bucharisch-tadschikischen Auswanderer [nach der Zerschlagung des Emirats von Buchara durch die Rote Armee und der Flucht des Emirs und vieler seiner Gefolgsleute im Herbst 1920] zu einer Blüte der Kultur Afghanistans beitrugen. Ihre Integration in die afghanische Gesellschaft verlief aufgrund der Gemeinsamkeiten von Religion, Kultur und Sprache im Allgemeinen schmerzfrei.

Die Geschichte dieser Auswanderung ist ein integraler Bestandteil [unserer] Nationalgeschichte. Historiker des unabhängigen Tadschikistans sollten aufhören, nach Recht und Unrecht in unserer Vergangenheit zu suchen, auch nicht in der sowjetischen.

Wie bewerten Sie das derzeitige System der Ausbildung in der Geschichtswissenschaft?

Ich hatte das Glück, 1972 die Geschichtsfakultät der Tadschikischen Staatlichen Universität in Duschanbe zu absolvieren, an der brillante tadschikische Wissenschaftler wie N. Negmatov, I. Pyankov, J. Schibajeva, Z. Sokolova, G. Onuschtschenko unterrichteten und zu der auch Forscher von Weltrang gehörten, wie der Ethnograf S.P. Poljakov [1932-2012] und der Archäologe V.M. Masson [1929-2010], die aus Moskau eingeladen wurden.

Der Dekan dieser Fakultät, Mansur Babakhanov [1931-2012], war ein hervorragender Lehrer und Wissenschaftsmanager. Er war ein junger Freund von Zarif Radschabov [1906-1990] und ein Schüler von Bobodschon Ghafurov [1908-1977]. Am Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften zur Zeit Bahodur Iskandarovs [1912-2014] herrschte noch der Geist der hochdekorierten Orientalisten A.A. Semjonov [1873-1953] und M.S. Andrejev [1873-1948], beides herausragende Vertreter der russländischen vorrevolutionären Geschichtsschreibung. All das gibt es heute nicht mehr. Junge Menschen streben heute keine höheren Abschlüsse mehr an, ganz zu schweigen von einem Postgraduiertenstudium. Und die Wissenschaftler meiner Generation gehen in den Ruhestand oder müssen für andere wissenschaftliche Texte schreiben. Die Schülerinnen und Schüler heute kopieren massenhaft die Texte anderer Leute und suchen bei Google nach Antworten, um sie danach sofort wieder zu vergessen.

Wie objektiv werden die Ereignisse der Vergangenheit von den zeitgenössischen Historikern Tadschikistans bewertet?

Wenn die professionelle Wissenschaft schweigt, gibt es viel Raum für halbwissenschaftliche Werke, die von Laien oder sogar von irgendwelchen zufälligen Personen geschrieben werden. Der Grund dafür ist, dass die Geschichte aus dem rein wissenschaftlichen und akademischen Kreis herausgetreten ist und zu einer Unterhaltung geworden ist, die auf Wirkung und sofortige Resonanz ausgelegt ist. Generell sehe ich keine bahnbrechenden Themen und Studien und keine neuen Namen in der akademischen tadschikischen Geschichtswissenschaft, weil der Zustrom junger Nachwuchskräfte nicht ausreicht.

Ja, in den Jahren der Unabhängigkeit, in den Jahren 1998-2011, erschien das Buch “Geschichte des tadschikischen Volkes” in sechs Bänden, aber es wurde bereits zu Sowjetzeiten geschrieben, mit Ausnahme der zweiten Hälfte des letzten Bandes. Meine Wenigkeit war selbst einer der Autoren.

Heutzutage werden Werke schlampig veröffentlicht und Dissertationen werden hastig und chaotisch verteidigt. Sie unterliegen keiner strengen Prüfung auf Integrität und Plagiat.

Sie arbeiten schon lange an amerikanischen Universitäten. Erzählen Sie uns über diesen Teil Ihrer Arbeit.

Die amerikanische Periode meiner Forschungskarriere war die interessanteste und produktivste. Dort habe ich mehrere Bücher und Dutzende von Artikeln veröffentlicht. Von 2000 bis 2013 unterrichtete ich an der Yale University, an der Ohio State University und lehrte auch an mehreren anderen Universitäten, darunter Harvard, wo ich vom „Freund des Iran“ Richard N. Frye [1920-2014] herzlich aufgenommen wurde, einem der weltweit renommiertesten Iranisten und großen Freund Tadschikistans, den ich noch immer bewundere und als mein persönliches Vorbild betrachte.

Was tun Sie jetzt, und woran arbeiten Sie?

Heute beschäftige ich mich neben der Emigration aus Zentralasien mit der Geschichte nationaler und muslimischer Bewegungen in Zentralasien und Afghanistan sowie mit verwandten zeitgenössischen Themen.

Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des tadschikischen Friedensprozesses [nach dem Bürgerkrieg der frühen 1990er Jahre] auseinandergesetzt und studiere sie weiterhin mit meinen Kollegen. Ich gebe Vorlesungen, schreibe Artikel, gebe Rezensionen, berate, gelegentlich betreue ich studentische Abschlussarbeiten, kommuniziere mit Studenten und Kollegen, spreche auf Konferenzen im In- und Ausland. Als Politikwissenschaftler verfolge ich die Ereignisse in Afghanistan.

Leider arbeite ich mehr mit meinen ausländischen Kollegen zusammen als mit den tadschikischen. Ich verliere aber nicht die Hoffnung auf einen Job an einer Universität in der Hauptstadt.

Wir wissen, dass Sie aus Kanibadam kommen und im Norden des Landes – in Rascht – geboren sind. Wie ist Ihre Familie dorthin gekommen?

Mein Vater, Nadshmuddin Abdullaev, der am Großen Vaterländischen Krieg teilgenommen hat, war in der Nachkriegszeit Parteichef von drei Regionen: Gharm, Berg-Badachschan und Leninabad, sowie von zwei Bezirken – Wachsch und Obigarm. Er arbeitete mit Bobodshon Ghafurov, Nazarscho DodkhudoevTursunbaj UldschabajevAbdulahad Qahhorov und war mit ihnen befreundet.

Eine der Straßen von Duschanbe trägt seinen Namen. Und es heißt, es gäbe eine weitere Straße in Gharm, wo ich vor genau 70 Jahren geboren wurde, die nach meinem Vater benannt ist. Meine Mutter Fotimakhon war eine Hausfrau, die 6 Kinder großzog. Ich bin auch stolz auf meinen Bruder, einen General im Ruhestand, und vier Schwestern, von denen die älteste, Mavludakhon, leider nicht mehr am Leben ist. Sie hat viele Jahre als Rektorin des Spracheninstituts gearbeitet. Ich bin verheiratet, habe einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter sowie drei Enkelkinder.

Zu meinen Vorfahren mütterlicherseits gehörten einige Mudarris [Lehrer an islamischen Bildungsinstitutionen, den sogenannten Madrasa]. Sie waren praktisch genau wie ich außerordentliche Professoren. Sie dienten in der Mir Radshab Dodkho Madrasa in Kanibadam. Jetzt gibt es in der Stadt ein Museum, für das der “Kutsha-i Dshar Clan (avlod)“, dem ich angehöre, zwei wertvolle Gemälde gestiftet hat – eine von indischen Künstlern stammende Illustration über Kanibadam aus dem “Baburnama” und ein Gemälde des wunderbaren usbekischen Künstlers Isfandijar. Wir versuchen, unser Mäzenatentum für die Kunst fortzusetzen. Unser Traum ist es, die Wiederbelebung der Kalligraphie in Tadschikistan zu fördern.